"Zum Stand der Inneren Führung heute!" Generalmajor Reinhardt Zudrop, Kommandeur des Zentrums Innere Führung

29.09.2017

Innere Führung in der Bundeswehr – eine Geschichte des Scheiterns oder der Erfolge?

11. Gemeinsames Kolloquium des Zentrums Innere Führung, der Karl-Theodor-Molinari-Stiftung e.V. und des Freundeskreises Innere Führung e.V. am 14. September 2017


Der Frage, ob die Innere Führung lediglich ein Lippenbekenntnis – also Konfession – oder wirklich Profession ist, widmete sich das diesjährige Kolloquium des Freundeskreises Innere Führung, das in Kooperation mit dem Bildungswerk des Deutschen BundeswehrVerbandes nunmehr in seine 11. Runde ging.

Ist die Innere Führung noch das „Pfund, mit dem wir wuchern können“ – wie es die Bundesministerin der Verteidigung beschrieb – oder hat sie angesichts der jüngsten Zwischenfälle in Kasernen der Bundeswehr versagt? Diese Frage stellte der 2. Vorsitzende des Freundeskreises Innere Führung, Oberst a.D. Walter Sauer, an den Anfang der Tagung. Welche Bedeutung innerhalb der Streitkräfte diesem Thema zugemessen wird, machte die Beteiligung der Inspekteure aller Teilstreitkräfte bzw. ihrer Stellvertreter deutlich. 

Innere Führung als Unternehmenskultur der Streitkräfte ist ein attraktives Konzept, dessen Elemente auch in der freien Wirtschaft Elemente übernommen werden. Sie ist kein Selbstzweck, sondern soll dazu beitragen, Soldaten zur Urteilsfähigkeit zu erziehen, um  einsatzfähige Streitkräfte zu generieren und die Resilienz der Gesellschaft zu stärken. Die Erfahrung zeigt, dass ethische Durchdringung und Führungskultur einander nicht widersprechen.

In den zurückliegenden Monaten wurden Pflichtverstöße einzelner Soldaten mit medialer Begleitung instrumentalisiert, um die Bundeswehr als Ganzes zu diskreditieren. Dennoch könne von einem systematischen Versagen der Inneren Führung keine Rede sein, mahnte der Kommandeur des Zentrums Innere Führung, Generalmajor Reinhardt Zudrop, an. Den gesellschaftlichen Rückenwind und die gewachsene Aufmerksamkeit für die politische Bildung als einem Pfeiler der Inneren Führung bewertete er als ein positives Ergebnis der dadurch angestoßenen Debatte.  

Die Aussage des Vorsitzenden des Deutschen BundeswehrVerbandes, Oberstleutnant André Wüstner, wonach nicht die Innere Führung versagt habe, sondern Menschen ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, fand weitgehende Zustimmung. Er warnte davor, in der Inneren Führung ein Binnenkonzept der Bundeswehr zu sehen und bedauerte, dass eine gesellschaftliche Debatte zum Weißbuch 2016 ausgeblieben ist. Der Verband hat seine Mitglieder aufgefordert, den Abgeordneten zu schreiben und setzt sich für sicherheitspolitische Veranstaltungen mit Parlamentariern ein. Leider müssten diese noch zu oft „zum Jagen getragen“ werden, da sicherheitspolitische Kompetenz nicht als karrierefördernd gilt. Defizite müssen erklärt statt beschrieben und Lösungen angeboten werden. In der letzten Zeit sei jedoch ein wachsendes Interesse der Politik an den Streitkräften festzustellen.

Die Akzeptanz der Inneren Führung bei den Soldatinnen und Soldaten sei besser als ihr Ruf belegte Dr. Heiko Biehl, Forschungsleiter Militärsoziologie am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, mit einer repräsentativen anonymen Umfrage unter 7.700 Soldaten. Festzustellen sei ein Gefälle zwischen Offizieren und Mannschafts¬dienstgraden. Kaum eine Rolle spiele hingegen die Auslandserfahrung der Soldaten. Vertrauen in die Vorgesetzten sei vorhanden, wobei die fachlichen Kompetenzen positiv bewertet werden, weniger jedoch die soziale Kompetenz.

Die Innere Führung ist nicht nur gute Menschenführung sondern ein zutiefst politisches Konzept, das die Streitkräfte an die Demokratie bindet. Dabei zeige sich eine gemischte Bilanz. Das Ansehen der Soldaten bzw. der Bundeswehr in der Gesellschaft sei hoch, wovon eine Zustimmung von bis zu 80 Prozent zeugt. Mit überwiegender Skepsis bis Ablehnung werden hingegen die militärischen Engagements der Bundeswehr betrachtet. Angesichts der neuen Bedeutung der Bündnisverteidigung relativiere sich die Kritik an den Einsätzen. Für die Motivation der Soldaten sei entscheidend, wie die Bevölkerung hinter den Aufträgen der Bundeswehr stehe. Hier öffne sich eine gesellschaftliche Legitimationslücke.
Wenn viele Soldatinnen und Soldaten nicht erreicht würden, könne man kaum von einer Erfolgsgeschichte der Inneren Führung sprechen wandte Sascha Stoltenow dagegen ein. Entweder ist die Führungskultur gut. Dann durchdringt sie die Truppe. Oder die Führungskultur durchdringt die Truppe nicht. Dann hat sie Defizite, die genauer zu betrachten sind. Die praktizierte Innere Führung stifte keine soldatische Identität, sondern versuche, diese einzuhegen. Er stelle ein Unbehagen, ja Misstrauen gegenüber allem Soldatischen bzw. Militärischen fest. Für viele Soldaten sei Innere Führung ein eher „negatives Markenzeichen“ und lästiges Pflichtprogramm. Der Anspruch an die Führungskultur sei gut, aber bestimme nicht den Alltag. Anspruch und Wirklichkeit würden vielmehr im Jahresbericht des Wehrbeauftragten aufeinander treffen. 

Übereinstimmend wurde Handlungsbedarf bei der historischen und politischen Bildung der Menschen in der Bundeswehr konstatiert. Sie ist Voraussetzung für verantwortliches staatsbürgerliches Handeln. Gerade um die politische Bildung ist es nach Ansicht des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages, Dr. Hans-Peter Bartels, nicht gut bestellt. Sie werde gern für ein „weiches Thema“ gehalten, anderen Ausbildungszielen geopfert und oftmals lieblos gestaltet. 

Die zurückliegenden Monate haben die Bedeutung von Brauchtum und Tradition als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft für die Bundeswehr deutlich gemacht. Nach der Verunsicherung wird von einem überarbeiteten Traditionserlass sprachliche Klarheit und Handlungssicherheit erwartet. Referenten und Teilnehmer des Kolloquiums waren sich einig, dass der Erlass aus dem Jahr 1982 eine gute Grundlage bietet. Er ist jedoch in der Zeit der Systemkonfrontation entstanden, als die Bundeswehr auf der allgemeinen Wehrpflicht beruhte und weder Kampfeinsätze im Ausland noch Frauen im Einsatz kannte. Eine Armee der Einheit müsse sich auch mit dem Umgang mit Traditionen der Nationalen Volksarmee auseinandersetzen. Nach wie vor gilt, dass die Wehrmacht den Weg zu den Verbrechen des Nationalsozialismus geebnet hat und daher für die Streitkräfte einer Demokratie nicht traditionsstiftend sein kann. Einzelne Aktionen und militärische Leistungen sind davon nicht zu trennen. Man muss sich damit aber auseinandersetzen. Eine bemerkenswerte Anregung war der Vorschlag, Historiker in den Divisionen fest anzustellen.

Winfried Nachtwei sieht das Vertrauen in die Innere Führung gefährdet, wenn die Legitimität der Einsätze der Bundeswehr nicht nachvollziehbar ist und die Entscheidungen lediglich aus bündnispolitischen Erwägungen heraus getroffen werden. Die Soldaten fragen nach den Ergebnissen ihres Einsatzes. Klare und einsichtige Aufträge sind Voraussetzung für die Unterstützung durch die Bevölkerung und damit für die „Durchhaltefähigkeit“. Die Parlamentsbeteiligung ist daher für die Legitimation der Bundeswehreinsätze von erheblicher Bedeutung. In Afghanistan hat die Innere Führung ihren Stresstest bestanden. Der Einsatz militärischer Gewalt durch die Bundeswehr war immer sehr kontrolliert. Zu Gewaltexzessen kam es nicht.

Fragen der Menschenführung, von Verantwortung und Vertrauen, standen im Mittelpunkt der durch den Journalisten Elmar Jöris moderierten Diskussion mit den Inspekteuren der Teilstreitkräfte bzw. mit den Vertretern. Betont wurde das Wertegerüst, das den Soldaten durch beispielhaftes Verhalten und staatsbürgerliche Bildung vermittelt wird. Äußerungen von Rechtsradikalismus werden in der Truppe nicht toleriert. Der Umgang mit Hochtechnologie – etwa in der Luftwaffe – erfordere eine hohe fachliche Qualifikation und auch Teamgeist über die Ebenen hinweg. Tagtäglich erlebt der Soldat so die Innere Führung, auch ohne die Fachbegriffe zu kennen. 

Das Vertrauen in die militärische Führung bildet die Grundlage für die Schlagkraft einer Armee. Führung braucht jedoch Zeit, für ein „Kümmern um die Menschen“, für Kommunikation. Diese Zeit ist aber ein rares Gut. Übereinstimmend forderten die Inspekteure eine Entlastung des militärischen Führers von einer ausufernden Bürokratie, vom Managen und Administrieren, welches einen Großteil der Zeit verschlinge.
Es gilt, eine Kultur zu fördern, die kontroverse Diskussionen zulässt. Auf mutmaßliches Fehlverhalten werde oft mit einer „Schuldkultur“ anstelle einer „Fehlerkultur“ reagiert. Sie eigne sich zur politischen Schuldzuweisung. Eine zeitintensive und ergebnisoffene sachliche Untersuchung  tritt dahinter zurück. Die Debatte dürfe nicht allein den Medien überlassen bleiben. Den Einwand, wonach in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden sei, der Kommunikationschef der Bundeswehr sei der Bundesvorsitzende des DBwV, da die Generäle schwiegen, wies Generalleutnant Vollmer zurück. Die Generäle äußerten sich sehr wohl zu den kontrovers beurteilten Vorgängen in der Bundeswehr. Dafür müsse das passende Format gefunden werden, da sie nicht über die Medien mit der politischen Führung der Bundeswehr kommunizieren. 

Welches Fazit lässt sich aus der Debatte ziehen? Ist die Innere Führung nun eher ein zur Formel erstarrtes Glaubensbekenntnis oder wird sie in der Bundeswehr gelebt? Die Referenten und Diskussionsteilnehmer verwiesen darauf, dass sie trotz der angesprochenen Probleme eine Erfolgsgeschichte begründet. Errungenschaften wie das Beteiligungsgesetz und die Beschwerdeordnung stärkten die staatsbürgerlichen Rechte der Soldaten. In den Einsätzen habe sich das Prinzip des Führens mit Auftrag bewährt. Die Soldaten verfügen über das Wissen und Selbstbewusstsein, um militärische Entscheidungen vor Ort zu treffen, wie es u.a. im Kosovo umgesetzt wurde. Dass sie in den Einsätzen interkulturelle Kompetenz erworben und verinnerlicht haben, zeigte sich u.a. in der Flüchtlingshilfe, in der sie ein hohes Engagement  gezeigt und gesellschaftliche Anerkennung erfahren haben. Winfried Nachtwei brachte das Ergebnis auf den Punkt: „Wir haben bemerkenswert mündige Soldaten.“

 

 


Dr. Michael Rudloff

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